Kaiserreich Drachenstein

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Der Kaiser

Wer das Kaiserreich verstehen will, muss zunächst den Kaiser verstehen. Dies erweist sich jedoch als schwieriger, als man zunächst vermuten möchte, denn die Würde des Kaisers erschöpft sich keineswegs darin, oberster Herrscher des Reiches zu sein. Vielmehr verkörpert der Kaiser nach allgemeinem Verständnis das Reich selbst. Während Könige kommen und gehen, Fürsten aufsteigen und fallen und selbst ganze Provinzen im Laufe der Jahrhunderte Wandel erfahren, bleibt das Amt des Kaisers als sichtbarer Ausdruck der Einheit Drachensteins bestehen.

Der Verfasser hat verschiedentlich erlebt, dass Fremde den Kaiser mit den Herrschern anderer Länder vergleichen. Solche Vergleiche führen jedoch häufig in die Irre. Der Kaiser ist weder Eigentümer des Reiches noch Herr seiner Bewohner nach Belieben. Seine Macht gründet sich auf Gesetz und Verfassung, deren oberster Hüter er zugleich ist. So groß seine Autorität auch sein mag, so ist sie doch Teil einer Ordnung, welche älter ist als die meisten Dynastien und selbst den Kaiser bindet.

Seit kurz nach Gründung des Reiches wird die Kaiserwürde vom Hause Drakis getragen, einer alten vampirischen Dynastie, deren Mitglieder seit unzähligen Generationen die Geschicke des Reiches lenken. Daraus ist jedoch nicht zu schließen, dass jeder Angehörige dieses Hauses Anspruch auf die Krone besäße. Vielmehr bestimmt die Verfassung, dass die Würde auf den nächsten lebenden männlichen Verwandten übergeht. Nach gefestigter Rechtspraxis wird darunter zunächst ein Sohn des verstorbenen Kaisers verstanden. Fehlt ein solcher, fällt die Nachfolge gewöhnlich an dessen Brüder, ehe die nächste Generation berücksichtigt wird. Auf diese Weise vereint die Nachfolgeordnung die Vorteile dynastischer Kontinuität mit der Erfahrung älterer Familienmitglieder, welche oftmals bereits über Jahrhunderte hinweg in den Diensten des Reiches gestanden haben.

Mit dem Tode eines Kaisers geht seine Würde unmittelbar auf den Nachfolger über. Eine Wahl findet nicht statt. Dennoch wäre es irrig anzunehmen, die Kaiserwürde sei lediglich erbliches Eigentum des Hauses der Draker. Vielmehr wird sie als Verpflichtung verstanden, deren Last oft größer erscheint als ihre Vorrechte. Chronisten berichten von Kaisern, die ihre Pflichten bis ins höchste Alter erfüllten, während andere sich zunehmend aus den Geschäften des Reiches zurückzogen und nur noch selten öffentlich erschienen.

Hier mag die Natur der Vampire eine Rolle spielen. Während Menschen altern und sterben, vermögen Vampire Jahrhunderte und zuweilen Jahrtausende zu erleben. Doch die Zeit hinterlässt auch an ihnen ihre Spuren. Manche Kaiser verloren mit den Jahrhunderten das Interesse an den täglichen Geschäften des Reiches und widmeten sich Studien, religiöser Betrachtung oder der Sammlung von Wissen. Andere wurden zunehmend weltfern und entrückt. In solchen Zeiten fiel dem Reichskanzler die Aufgabe zu, die laufenden Geschäfte zu führen, bis der Kaiser erneut eingriff oder die Nachfolge geregelt wurde.

Die eigentliche Macht des Kaisers liegt weniger in einzelnen Befugnissen als in seiner Stellung innerhalb der Reichsordnung. Er ernennt Könige, Fürsten und andere Lehnsherren, bestätigt Gesetze, vertritt das Reich nach außen und wacht über die Einhaltung von Gesetz und Verfassung. Zugleich ist er König von Pretanz, jener Provinz, welche als Herzstück des Reiches gilt und in welcher sich die meisten kaiserlichen Institutionen befinden.

Von besonderer Bedeutung ist seine Rolle als Schiedsrichter zwischen den Völkern. Das Kaiserreich vereint Menschen, Vampire, Elben, Elfen, Halblinge, Zwerge, Orks und zahlreiche kleinere Völker unter einer gemeinsamen Ordnung. Ihre Interessen stimmen nicht immer überein, und nicht selten drohen alte Vorurteile oder neue Streitigkeiten das Gleichgewicht zu gefährden. In solchen Augenblicken erwartet man vom Kaiser weniger Entschlossenheit als Weisheit. Ein Kaiser, der nur einem Volk dient, gilt als schlechter Kaiser; ein Kaiser, der dem Reich dient, als guter.

Aus diesem Grunde misst man auch seinem persönlichen Lebenswandel große Bedeutung bei. Nach Auffassung vieler Gelehrter soll der Kaiser nicht allein regieren, sondern vorleben. Er hat den Göttern Ehre zu erweisen, das Gesetz zu achten, Maß zu halten und sich als würdig für die Stellung zu erweisen, welche ihm anvertraut wurde. Besonders die Anhänger der runischen Religion betrachten ihn deshalb als Vorbild für ein rechtschaffenes und göttergefälliges Leben.

Der gegenwärtige Kaiser Veuxin II. wird von vielen als Muster eines solchen Herrschers angesehen. Obwohl er regelmäßig öffentliche Auftritte wahrnimmt und die Angelegenheiten des Reiches aufmerksam verfolgt, wahrt er jene würdevolle Distanz, welche man traditionell mit dem Kaiseramt verbindet. Der gewöhnliche Bürger erhält ihn selten zu Gesicht, doch kaum jemand zweifelt daran, dass er existiert und über die Geschicke des Reiches wacht.

Unter den verschiedenen Völkern wird die Kaiserwürde freilich nicht überall auf dieselbe Weise betrachtet. Menschen begegnen ihr häufig mit ehrfürchtiger Bewunderung, während Elben sie eher als notwendige und nützliche Institution ansehen. Zwerge achten das Amt und seine Bedeutung für die Stabilität des Reiches, Orks beurteilen den jeweiligen Kaiser vor allem nach seinen Taten, und Drachen schenken der Person meist weniger Aufmerksamkeit als der Beständigkeit der Ordnung, die sie verkörpert. Die strenge Hofetikette sorgt jedoch dafür, dass diese unterschiedlichen Auffassungen nur selten offen zutage treten.

So bleibt der Kaiser letztlich eine der eigentümlichsten Erscheinungen des Reiches: zugleich Herrscher und Diener, Person und Institution, Einzelner und Symbol. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis der Beständigkeit des Kaiserreiches, dass seine Bewohner im Kaiser weniger einen Menschen sehen als den lebendigen Ausdruck jener Ordnung, welche sie alle miteinander verbindet.