Kaiserreich Drachenstein

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Von den Orks

Die meisten Bewohner Drachensteins begegnen den Orks nicht auf den Schlachtfeldern der Chroniken, sondern auf Märkten, in Hafenkneipen, auf Landstraßen oder in den Garnisonen des Reiches. Dennoch haftet ihrer Erscheinung bis heute ein Schatten an, den kaum ein anderes Volk mit sich trägt. Noch immer vermag ihre bloße Erwähnung Erinnerungen an die großen Orkkriege wachzurufen, welche binnen weniger Generationen zweimal über Drachenstein hereinbrachen und ganze Landstriche verwüsteten. Mancherorts erzählt man noch immer Geschichten von brennenden Dörfern, schwarzen Heeren und den Gräueln jener Zeit. Wer jedoch glaubt, aus diesen Erzählungen das Wesen der Orks erkennen zu können, unterliegt demselben Irrtum wie jener Reisende, welcher ein Land allein nach seinen Schlachtfeldern beurteilt.

Anders als die übrigen Völker Drachensteins führen die Orks ihren Ursprung nicht auf uralte Wanderungen, göttliche Schöpfungsakte oder die Nebel längst vergessener Zeitalter zurück. Ihre Geschichte beginnt vielmehr äußerst spät und ist besser dokumentiert als jene vieler anderer Völker. Allgemein gilt als gesichert, dass die ersten Orks vor etwa sechshundert Jahren durch die Künste des Vampirs Kratsatsetvur des Schrecklichen erschaffen wurden, eines mächtigen Magiers und entfernten Verwandten des Hauses der Draker.

Die Beweggründe Kratsatsetvurs sind Gegenstand zahlloser Abhandlungen. Nach verbreiteter Auffassung hielt er sich selbst für den rechtmäßigen Träger der Kaiserkrone und sann über Jahrhunderte darauf, die Herrschaft des Reiches an sich zu reißen. Hierzu sehnte er sich nach einer Streitmacht, die stärker, widerstandsfähiger und gehorsamer sein sollte als gewöhnliche Menschen. Jahrzehntelang experimentierte er mit Magie und Alchemie, bis ihm schließlich die Erschaffung der ersten Orks gelang.

Dass dieser Plan scheiterte, lag an einer Fehleinschätzung, welcher in der Geschichte der Welt nicht nur Kratsatsetvur unterlag. Zwar gelang es ihm, ein neues Volk hervorzubringen, dessen Angehörige stärker und widerstandsfähiger waren als gewöhnliche Menschen. Doch erwiesen sich die Orks nicht als willenlose Werkzeuge, sondern als vernunftbegabte Wesen mit eigenen Vorstellungen, Hoffnungen und Ambitionen. Damit war bereits im Augenblicke ihrer Erschaffung der Keim jenes Scheiterns gelegt, welches ihren Schöpfer schließlich zu Fall bringen sollte.

Die Orks waren größer und kräftiger als Menschen, zeigten eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegen Hunger, Krankheit und Strapazen und erwiesen sich als ausgezeichnete Soldaten. Doch erwiesen sie sich zugleich als ebenso stolz wie eigensinnig. Zwar folgten sie Kratsatsetvur zunächst, doch nie in jener vollkommenen Unterwerfung, welche ihr Schöpfer erwartet haben mag.

Von ihrer Erscheinung her sind Orks leicht zu erkennen. Sie überragen Menschen gewöhnlich um einen Kopf, besitzen breite Schultern, kräftige Gliedmaßen und markante Gesichtszüge. Die Haut zeigt meist grünliche, graue oder bräunliche Töne, wenngleich hierin erhebliche Unterschiede bestehen. Besonders auffällig sind die kräftigen Eckzähne, welche häufig sichtbar bleiben, selbst wenn der Mund geschlossen ist. Trotz ihres furchteinflößenden Erscheinungsbildes fällt dem aufmerksamen Beobachter jedoch rasch auf, dass die Gesichtszüge einzelner Orks ebenso unterschiedlich ausfallen wie bei jedem anderen Volke.

Der Erste Orkkrieg begann vor etwa vierhundert Jahren und endete mit einer schweren Niederlage Kratsatsetvurs. Viele seiner Armeen wurden zerschlagen, andere zerstreuten sich. Zahlreiche Orks ließen sich daraufhin innerhalb des Kaiserreiches nieder, gründeten Familien, traten in kaiserliche Dienste oder fanden ihren Platz in den Städten und Dörfern des Reiches. Noch heute leben ihre Nachfahren in nahezu allen Provinzen, wenn auch meist in geringer Zahl.

Kratsatsetvur selbst entkam jedoch der Vernichtung. Während das Reich ihn für tot hielt, baute er fern im Nordwesten heimlich neue Streitkräfte auf. Dies führte vor zwanzig Jahren zum Zweiten Orkkrieg, welcher in seiner Grausamkeit selbst den ersten übertraf. Erst die endgültige Vernichtung Kratsatsetvurs beendete diesen Konflikt. Seitdem existiert keine gemeinsame orkische Herrschaft mehr, sondern eine Vielzahl unabhängiger Stämme und Gemeinschaften jenseits der Grenzen des Reiches.

Die meisten dieser Gemeinschaften sind in Stämmen organisiert. Deren Führung folgt keinem allgemein gültigen Prinzip. Mitunter steht ein berühmter Krieger an ihrer Spitze, andernorts ein angesehener Schamane oder eine Stammesmutter von großer Lebenserfahrung. Gemeinsam ist den meisten Stämmen lediglich, dass Führung nicht als Geburtsrecht verstanden wird, sondern immer wieder neu errungen werden muss. Wer die Gefolgschaft seines Stammes verliert, verliert gewöhnlich auch seine Stellung.

Gerade hierin liegt eine Eigentümlichkeit der Orks. Obwohl sie ursprünglich als Soldaten erschaffen wurden, besitzen sie eine ausgeprägte Abneigung gegen jede Form unfreiwilliger Unterordnung. Freiheit genießt unter ihnen hohes Ansehen, und kaum eine Beleidigung wiegt schwerer als die Behauptung, ein Ork lasse sich beherrschen. Manche Gelehrte vermuten, hierin zeige sich das Erbe ihrer Entstehungsgeschichte; andere halten dies für eine romantische Übertreibung. Der Verfasser sieht keinen Anlass, sich in diesen Streit einzumischen.

Mit dieser Freiheit verbindet sich ein weiterer Wert, den man unter Orks beinahe überall antrifft: Mut. Allerdings versteht man darunter nicht allein Tapferkeit im Kampfe. Mut bedeutet ebenso, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben und sich notfalls auch der Mehrheit entgegenzustellen. Ein feiger Sieger genießt unter Orks oft weniger Achtung als ein mutiger Verlierer.

Obwohl die Orks als Krieger erschaffen wurden, wäre es irrig, sie deshalb für kriegslüstern zu halten. Vielmehr begegnet man unter ihnen häufig der Auffassung, dass nur jener den Frieden bewahren könne, der jederzeit zum Kampfe bereit sei. Viele Stämme legen großen Wert auf Waffenübungen und körperliche Ertüchtigung, betrachten diese jedoch weniger als Vorbereitung auf Eroberungen denn als Abschreckung gegen mögliche Feinde. Der Verfasser hörte einmal einen orkischen Stammesführer sagen, ein Speer sei am nützlichsten, wenn niemand wage, seinen Träger anzugreifen.

Eine besondere Stellung nehmen die Schamanen ein. Sie sind zugleich Heiler, Gelehrte, Richter, Geschichtenerzähler und Magier. Während Menschen ihre Gelehrsamkeit häufig in Büchern bewahren, findet man unter Orks vieles in Liedern, Erzählungen und mündlich überlieferten Traditionen. Nicht wenige Schamanen gelten als Berater der Stammesführer, andere üben selbst die Führung aus. Ihre Aufgabe besteht weniger darin, Befehle zu erteilen, als vielmehr darin, den Stamm zu erinnern, wer er war und wer er werden könnte.

Über Magier hört man unter Orks selten uneingeschränkt Gutes. Zwar finden sich auch unter ihnen Zauberwirker von beträchtlicher Begabung, doch betrachten viele Orks die großen Magier der Geschichte mit größerem Misstrauen als andere Völker. Wer weiß, dass sein eigenes Volk einst durch die Künste eines Magiers erschaffen wurde, begegnet solchen Kräften mit größerer Vorsicht. Besonders gegenüber Vampiren findet man deshalb nicht selten eine gewisse Skepsis, auch wenn diese längst nicht jeden einzelnen Vampir betrifft.

Über die Person Kratsatsetvurs hört man unter Orks die unterschiedlichsten Urteile. Manche verfluchen seinen Namen und sehen in ihm den Urheber allen Leides, welches ihr Volk erfahren musste. Andere halten es für töricht, einen Toten über Jahrhunderte hinweg zu hassen, und weisen darauf hin, dass die Orks ohne ihn niemals entstanden wären. Wieder andere vermeiden es, überhaupt von ihm zu sprechen, alldieweil sie darin keinen Nutzen erkennen. Der Verfasser gewann den Eindruck, dass die meisten Orks weniger an ihrem Schöpfer interessiert sind als jene Gelehrten des Kaiserreiches, welche unablässig über ihn schreiben.

In religiösen Fragen zeigen sich die Orks ebenso vielfältig wie in allen anderen Dingen. Viele Stämme verehren eigene Göttergestalten und Geister, welche sich bei näherer Betrachtung häufig als Entsprechungen der bekannten runischen Gottheiten erweisen. Andere folgen offen der runischen Religion, insbesondere jene Orks, die seit Generationen innerhalb des Kaiserreiches leben. Ein einheitlicher Glaube scheint unter ihnen nicht zu existieren.

Wie die übrigen Völker Drachensteins unterscheiden sich die Orks untereinander weit stärker, als Außenstehende gewöhnlich annehmen. Unter ihnen finden sich Gelehrte ebenso wie Krieger, Händler ebenso wie Bauern. Zahlreiche Halborks verbinden zudem seit Jahrhunderten orkische und menschliche Familienlinien. Gleichwohl haftet ihnen bis heute der Schatten der Orkkriege an. Manche Bewohner des Reiches begegnen ihnen noch immer mit Argwohn, andere betrachten sie als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft. Die meisten Orks selbst scheint dies weit weniger zu beschäftigen als ihre Nachbarn.

Betrachtet man ihre Geschichte genauer, so drängt sich ein Gedanke auf: Die Orks wurden geschaffen, um Diener zu sein. Dass sie heute ein freies Volk sind, dürfte die größte Niederlage ihres Schöpfers und zugleich ihr größter Triumph sein.