Von den Drachen
Wer durch die Gebirge Pisars reist oder die weiten Ebenen Pelatas durchquert, mag zuweilen einen dunklen Schatten über sich hinwegziehen sehen. Hebt er den Blick rechtzeitig, so erkennt er vielleicht einen Drachen hoch über den Wolken oder auf einem entfernten Bergrücken. Die meisten Bewohner Drachensteins haben mindestens einmal in ihrem Leben einen Drachen gesehen, wenn auch oft nur aus großer Entfernung. Weit seltener ist es hingegen, einem Drachen zu begegnen, mit ihm zu sprechen oder gar einige Zeit in seiner Gesellschaft zu verbringen. Dies mag erklären, weshalb über kaum ein anderes Volk zugleich so viel bekannt und so wenig gewiss ist.
Die Zahl der Drachen wird gewöhnlich auf einige Hundert geschätzt. Gewissheit besteht darüber jedoch nicht. Während Menschen, Elben oder Zwerge feste Wohnstätten besitzen und sich ihre Zahl wenigstens annähernd erfassen lässt, entziehen sich Drachen einer solchen Ordnung. Manche verweilen jahrhundertelang an demselben Orte, andere verschwinden für Generationen und erscheinen erst lange Zeit später wieder. Nicht wenige Berichte schildern Drachen, die bereits in den Chroniken längst vergangener Jahrhunderte genannt werden und dennoch noch heute gesehen werden sollen.
Ebenso wenig herrscht Einigkeit über ihren Ursprung. Unstrittig ist lediglich, dass die Drachen älter sind als die heutigen Reiche, Dynastien und Kulturen. Manche Gelehrte halten sie gar für die ältesten vernunftbegabten Wesen Cunastrums, andere widersprechen dem entschieden. Fest steht nur, dass die Drachen bereits in einer Zeit über die Welt wandelten, als viele der heutigen Völker noch nicht die Gestalt angenommen hatten, in welcher wir sie kennen.
Von ihrer Erscheinung lässt sich nur schwer allgemein sprechen, da kaum zwei Drachen einander gleichen. Manche erreichen gerade die Größe einer Kammer und könnten sich ohne Schwierigkeiten in den Hallen eines Adelshauses niederlassen. Andere wiederum überragen Türme und Burgen. Ihre Schuppen zeigen Farben und Strukturen von erstaunlicher Vielfalt. Der Verfasser hat Berichte über Drachen gelesen, deren Leib an Obsidian erinnerte, über solche mit Schuppen wie poliertes Kupfer und sogar über einen Drachen, dessen Haut wie kristallines Eis beschrieben wurde. Einige Gelehrte vertreten daher die Ansicht, dass jeder Drache gewissermaßen ein Einzelwesen eigener Art sei.
Aus diesem Grunde werden Drachen gewöhnlich nicht nach Abstammung, sondern nach dem Orte ihrer Verkörperung beschrieben. So spricht man von Berg-, Wald-, Fluss-, Höhlen-, See- oder Wüstendrachen. Diese Bezeichnungen beschreiben jedoch keine Arten im eigentlichen Sinne, sondern dienen lediglich der Einordnung. Denn während ein Walddrache häufig andere Eigenschaften aufweist als ein Bergdrache, finden sich stets Ausnahmen, welche die Regel zu widerlegen scheinen.
Die Drachen selbst zeigen nur selten Neigung zu einem gemeinschaftlichen Leben. Zwar sind Zusammenkünfte mehrerer Drachen bezeugt, und manche alte Überlieferung berichtet von Beratungen oder Bündnissen unter ihnen, doch scheint jeder Drache im Wesentlichen seinen eigenen Weg zu gehen. Ihre Beziehungen untereinander wirken auf Außenstehende oftmals lose und schwer durchschaubar. Gleichwohl wäre es irrig, sie deshalb für Einzelgänger ohne Bindungen zu halten. Freundschaften, Rivalitäten und Verpflichtungen bestehen durchaus, folgen jedoch Zeiträumen und Maßstäben, welche Sterblichen nur schwer verständlich erscheinen.
Unter Gelehrten wird seit Langem darüber gestritten, ob Drachen die Zeit anders wahrnehmen als andere Wesen. Manche Berichte scheinen darauf hinzudeuten. So existieren Erzählungen von Drachen, welche Besucher mit Namen begrüßten, denen sie angeblich niemals zuvor begegnet waren, oder von solchen, die Ereignisse beschrieben, welche erst Jahre später eintrafen. Andere Drachen wiederum scheinen Erinnerungen an Jahrhunderte zurückliegende Geschehnisse mit einer Klarheit zu besitzen, als hätten diese sich erst am Vortage ereignet. Der Verfasser sieht sich außerstande, über die Wahrheit solcher Geschichten zu urteilen, hält sie jedoch für zu zahlreich, um sie gänzlich zu verwerfen.
Noch bemerkenswerter erscheint die Frage ihrer Sterblichkeit. Zwar können Drachen verwundet werden, und zahlreiche Chroniken berichten von Drachen, welche im Kampfe fielen oder auf andere Weise vernichtet wurden. Dennoch erzählen ebenso viele Quellen von ihrer Wiederkehr. Dies hat manche Gelehrte zu der Vermutung geführt, dass nicht der Drache selbst vergeht, sondern lediglich seine gegenwärtige Verkörperung. Nach dieser Auffassung bildet sich zu gegebener Zeit an einem anderen Orte oder unter anderen Umständen ein neuer Leib, während das eigentliche Wesen des Drachen fortbesteht. Ob dies tatsächlich zutrifft, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Bemerkenswert bleibt jedoch, dass manche Drachen Erinnerungen zu besitzen scheinen, die weit älter sind als ihre sichtbare Gestalt.
Unbestreitbar ist hingegen ihre große Nähe zur Magie. Viele Drachen beherrschen Fähigkeiten, welche selbst unter den ältesten Elben oder Vampiren Bewunderung hervorrufen. Dennoch entsteht selten der Eindruck, sie wirkten Magie in derselben Weise wie andere Völker. Vielmehr scheint die Magie ihnen ebenso natürlich zu sein wie das Atmen den Menschen oder das Fliegen den Adlern. Manche Gelehrte vertreten gar die Ansicht, Drachen seien weniger Anwender der Magie als vielmehr Ausdruck derselben. Ob hierin Wahrheit liegt oder lediglich dichterische Übertreibung, sei dahingestellt.
Von besonderem Interesse ist ihr Verhältnis zu den Zwergen. Nach zwergischen Überlieferungen waren es die Drachen, welche ihre Vorfahren erschufen, um kostbare Edelsteine aus den Tiefen der Erde zu bergen. Ob dies zutrifft, sei dahingestellt. Bemerkenswert ist jedoch, dass sowohl Drachen als auch Zwerge diese Erzählung weit weniger entschieden bestreiten, als man erwarten würde. Sollte sie wahr sein, so wäre dies wohl eines der wenigen Beispiele in der bekannten Geschichte, in denen ein Volk ein anderes hervorbrachte.
Ihre Stellung innerhalb des Kaiserreiches ist ebenso vielfältig wie ihre Natur. Manche Drachen dienen Fürsten oder Kaisern als Berater, andere leben zurückgezogen in entlegenen Regionen, wieder andere greifen zuweilen unmittelbar in die Geschicke der Sterblichen ein. Kaum ein Drache scheint sich jedoch als Untertan irgendeines Herrschers zu betrachten. Die meisten erkennen die Gesetze des Reiches an, soweit sie diese für vernünftig halten. Nur wenige würden jedoch zugeben, ihnen unterworfen zu sein. Es scheint, als betrachteten viele Drachen das Kaiserreich mit wohlwollender Distanz.
Von ihren Gemütern lässt sich noch weniger sagen als von ihrer Gestalt. Manche Drachen gelten als weise und gütig, andere als gefährlich, verschlagen oder dem Wahnsinn verfallen. Wieder andere scheinen nach Maßstäben zu handeln, welche sich einer Einordnung als gut oder böse vollständig entziehen. Der Verfasser erinnert sich an die Erzählung eines Händlers, dessen Karawane von einem Drachen vor Räubern gerettet wurde, nur damit derselbe Drache wenige Jahre später eine nahegelegene Festung niederbrannte. Auf die Frage nach dem Grunde soll er geantwortet haben, dass ihm die Räuber missfallen hätten und die Festung unansehnlich gewesen sei.
Vielleicht liegt hierin die größte Schwierigkeit bei ihrer Beschreibung. Während sich über Menschen, Elben oder Zwerge allgemeine Aussagen treffen lassen, scheint jeder Drache letztlich eine Welt für sich zu sein. Wer einen Drachen kennengelernt hat, hat deshalb vor allem eines kennengelernt: eben diesen Drachen.