Kaiserreich Drachenstein

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Von den Halblingen

Unter den mannigfaltigen Völkern dieser Welt, von denen einige nach Ruhm durch kriegerische Eroberungen streben, andere durch rastlose Wissbegierde oder gar durch die Suche nach Unsterblichkeit getrieben werden, zeichnen sich die Halblinge durch ein ganz anderes und überaus bescheidenes Verlangen aus: nämlich nach Ruhe. Lässt man sie gewähren, so finden sie ihr beschauliches Glück gewöhnlich in den sanften Hügeln Vincasters, inmitten blühender Obstgärten, wohlgepflegter Äcker und akkurat gestutzter Hecken, die ihre kleinen Dörfer mit wohlgeordnetem Anmut umfrieden. Dort führen sie ein Leben, dessen Gemeinschaft eher einer ausgedehnten Familie gleicht als einem Staat, und das gleichermaßen von vergangenen wie gegenwärtigen Zeiten genährt wird.

Der Halbling selbst ist klein von Gestalt, rundlich von Figur und von Herzen großmütig. Selten misst er mehr als sechs oder sieben Spannen in der Höhe, weshalb man ihn in entfernten Gegenden oft mit einem Kinde verwechselt – was ihn wenig bekümmert, solange er nicht allzu fürsorglich behandelt wird. Den Mangel an körperlicher Größe ersetzt er durch eine ausgeprägte Geselligkeit, scharfen Verstand und ein geradezu erstaunliches Gedächtnis, das nicht nur sein eigenes Leben umfasst, sondern auch jenes seiner Ahnen. Es ist dies eine besondere Gabe, die allgemein als das „Halblingswissen“ bezeichnet wird und die Halblinge mit einer bemerkenswerten Sicherheit und inneren Gelassenheit ausstattet. Diese stille Vertrautheit mit den Erlebnissen der Vorfahren gilt ihnen als etwas Heiliges und wird Fremden gegenüber nur selten erörtert; in der Tat vergeht oft ein halbes Halblingsleben, ehe er erkennt, dass diese Fähigkeit nicht allen Wesen gleichermaßen eigen ist.

In ihrer Lebensweise zeigt sich ein bewundernswerter Pragmatismus, verbunden mit einer liebevollen Hingabe zum Detail. Ob es um die wohlgeordnete Vorratskammer, den akkurat ausgerichteten Zaun oder die gewissenhafte Buchhaltung eines Markttages geht – für die Halblinge ist dies weit mehr als nur eine Notwendigkeit. Es ist vielmehr Ausdruck einer inneren Welt, die auf Ordnung, Verlässlichkeit und Maß fußt. Entsprechend gelten sie als ehrliche und verlässliche Handelspartner, obwohl sie niemals zu weitreichenden Handelsabenteuern oder riskanten Spekulationen neigen. Vielmehr verkaufen sie, was sie besitzen, kaufen, was sie benötigen, und erinnern sich mit treuer Genauigkeit an beides.

Die gesellschaftliche Ordnung der Halblinge ruht fest auf der Familie, weit stärker als bei den Menschen. Wer den Namen einer Halblingssippe trägt, ist gleichsam Teil der Sippe, ungeachtet dessen, woher er stammen möge. Diese Sippe bildet den Mittelpunkt ihres sozialen Lebens. Gewöhnlich folgt sie dabei einem patriarchalischen Prinzip, was bei ihnen zu einer gewissen freundschaftlichen Verwunderung über die benachbarten Elfen führt, deren matriarchalische Sitten ihnen gleichermaßen amüsant wie unverständlich erscheinen. Ein Halbling, der seine Heimat verlässt, um anderswo sein Glück zu suchen, gilt seiner Sippe als höchst verdächtig oder gar als verkommen. Denn wer einen guten Grund zum Fortgehen hatte, der kehrt unweigerlich zurück; wer dies nicht tut, besaß vermutlich nie einen guten Grund.

Ihre Sprache ist das gemeinhin bekannte Drakische, doch bedienen sich die Halblinge dabei zahlreicher blumiger und teils schwer verständlicher Dialekte, welche von Dorf zu Dorf wechseln, ganz so wie die Rezepte für ihre berühmten Zwiebelsuppen. Einer eigenen Schriftsprache bedienen sie sich nicht; vielmehr werden ihre Überlieferungen mündlich weitergegeben und bewahrt – oft präziser, als es eine schriftliche Aufzeichnung erlauben würde.

Von ihrem Naturell her sind die Halblinge friedfertig, doch keineswegs wehrlos. Ein Unrecht, das einem von ihnen widerfährt, betrachten sie als Unrecht an allen, und ihre Geschichte zeugt davon, dass es höchst unklug ist, ihren Zorn herauszufordern. Alte Legenden berichten gar von dem Versuch, einst ein eigenes Reich zu gründen – ein Vorhaben, das mit erstaunlicher Entschlossenheit, doch letztlich erfolglos verfolgt wurde. Seither gilt ihnen das Sprichwort: »Lieber ein Topf auf dem Herd als ein Banner im Winde.« Heute ziehen sie es vor, friedlich ihre Felder zu bestellen, Pfeife zu rauchen und die Geschichten ihrer Ahnen sorgsam zu bewahren.

Andere Völker begegnen den Halblingen meist mit Wohlwollen, bisweilen mit sanfter Belustigung, selten jedoch mit Misstrauen. Die Menschen schätzen besonders ihre Kochkünste, während Elfen ihre Häuslichkeit schmunzelnd zur Kenntnis nehmen – die Halblinge hingegen unterstellen den Elfen, sie hätten ihren Verstand wohl im Walde verloren. Die Zwerge hegen stillen Respekt für sie, verbindet doch beide Völker eine gewisse Liebe zur Beständigkeit. Gegenüber Vampiren und Elben verhalten sich die Halblinge höflich-reserviert: Denn, so meinen sie, langes Leben allein bürgt nicht zwangsläufig für Klugheit.

Und was die Drachen betrifft – so pflegt man sie weiträumig zu meiden. Selbst wenn es heißt, sie hätten einst großzügig Geschenke verteilt. Doch dies sei eine andere Geschichte.