Kaiserreich Drachenstein

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Von den Zwergen

Die meisten Reisenden begegnen den Zwergen lange, bevor sie den ersten Zwerg zu Gesicht bekommen. Eine Brücke, die seit Jahrhunderten jedem Hochwasser trotzt, ein Tunnel durch einen Berg oder ein kunstvoll gearbeitetes Tor von solcher Haltbarkeit, dass man meinen könnte, es sei gemeinsam mit dem Felsen entstanden, verraten oft ihre Gegenwart, noch ehe man ihren Namen vernimmt. Wer schließlich einem Zwerg begegnet, mag zunächst versucht sein, in ihm nur eine sonderbare Spielart des Menschen zu sehen: kleiner von Wuchs, breiter gebaut und von bemerkenswerter Kraft. Verbringt man jedoch einige Zeit unter ihnen, so erkennt man bald, dass diese Ähnlichkeit eher äußerlicher Natur ist und die Unterschiede weit tiefer reichen, als es zunächst den Anschein hat.

Ein ausgewachsener Zwerg erreicht gewöhnlich eine Höhe von sechs bis sieben Spannen und besitzt einen gedrungenen Körperbau von bemerkenswerter Kraft. Ihre Haut gleicht nicht dem Fleisch der Menschen oder Elben, sondern erinnert vielmehr an geglätteten Stein. Manche Zwerge tragen eine Haut von dunkler Färbung wie Basalt, andere erscheinen grau wie Granit, wiederum andere weisen Schattierungen auf, die an Marmor, Schiefer oder seltene Erze erinnern. Ihre Augen leuchten häufig in den Farben von Edelsteinen und Metallen, und nicht wenige Fremde berichten von dem eigentümlichen Eindruck, als blickten sie weniger in Augen als in geschliffene Kristalle. Nicht minder bemerkenswert ist ihr Haarwuchs. Haare und Bärte bestehen aus Flechten, Moosen oder ähnlichen Gewächsen, welche auf ihrer steinernen Haut gedeihen und von vielen Zwergen mit derselben Sorgfalt gepflegt werden, welche andere Völker ihrem Haar angedeihen lassen.

Da ihr Leib keine Organe im eigentlichen Sinne besitzt, sondern durch und durch aus lebendigem Stein besteht, unterscheiden sich auch Verwundungen von jenen anderer Völker. Schnitte und Stiche vermögen ihnen vergleichsweise wenig anzuhaben, während schwere Schläge, Stürze oder das Brechen ganzer Gliedmaßen eine weit größere Gefahr darstellen.

Von besonderem Interesse ist ihre Herkunft, über welche sich zahlreiche Sagen und Spekulationen erhalten haben. Die verbreitetste Überlieferung, zugleich jene, welche auch in der runischen Schöpfungsmythologie Eingang gefunden hat, besagt, dass die Drachen in längst vergangenen Zeiten Diener erschufen, welche ihnen beim Abbau und der Bergung kostbarer Edelsteine dienen sollten. Hierzu formten sie Körper aus Stein und versahen diese mit jenem geheimnisvollen Lebensfunken, dessen wahre Natur bis heute niemand vollständig zu erklären vermag. Ob diese Erzählungen wahr sind, sei dahingestellt; bemerkenswert bleibt jedoch, dass die Zwerge selbst ihnen nur selten widersprechen.

Ebenso bemerkenswert erscheint manchem Gelehrten die Frage, weshalb aus den geschaffenen Dienern überhaupt ein eigenständiges Volk wurde. Folgt man den alten Überlieferungen, so hatten die Drachen gehorsame Werkzeuge im Sinn, erhielten jedoch Wesen, die nicht allein arbeiten und gehorchen, sondern auch urteilen, zweifeln und eigene Wünsche entwickeln konnten. Ob hierin ein Fehler der Schöpfer oder vielmehr die höchste Vollendung ihres Werkes zu sehen ist, wird von Drachen und Zwergen wohl höchst unterschiedlich betrachtet.

Gewiss ist, dass Zwerge weder geboren werden wie Menschen noch Kinder hervorbringen wie Elben oder Vampire. Vielmehr bedarf es zweier Zwerge, welche gemeinsam einen neuen Angehörigen ihres Volkes erschaffen. Zu diesem Zwecke bringen beide jeweils einen Keimstein ein, gewöhnlich Edelsteine von besonderer Reinheit und Regelmäßigkeit. Diese werden später die Augen des neuen Zwerges bilden, weshalb manche Zwerge Augen von gleicher, andere aber von unterschiedlicher Farbe besitzen. Die Keimsteine werden in einen sorgfältig gefertigten Körper aus Stein eingesetzt und in einem langen Ritual beseelt.

Die Suche nach geeigneten Keimsteinen gilt vielen Gelehrten als einer der Gründe für die uralte Verbundenheit der Zwerge mit den Tiefen der Erde. Denn nicht jeder Edelstein eignet sich für diesen Zweck, und manche Stämme berichten von Unternehmungen, die sich über Generationen erstreckten, um einen besonders reinen Keimstein zu bergen. Solche Funde werden nicht selten mit derselben Feierlichkeit behandelt wie die Geburt eines Kindes bei anderen Völkern.

Die Einzelheiten dieses Vorganges werden eifersüchtig gehütet, und nur wenige Nichtzwerge durften ihm jemals beiwohnen.

Der neue Zwerg erwacht nicht als vollendetes Wesen. Wie die Kinder anderer Völker wächst auch er heran, lernt sprechen, denken und handeln und durchläuft die verschiedenen Lebensalter. Darin zeigt sich eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit ihres Volkes: Obgleich sie aus Stein geschaffen werden, altern sie auf eine Weise, die dem übrigen Leben Cunastrums nicht völlig unähnlich ist.

Ein Alter von vier oder fünf Jahrhunderten gilt unter Zwergen keineswegs als außergewöhnlich. Dennoch sind sie nicht unsterblich. Wird ein Zwerg verletzt, so verlieren die betroffenen Stellen häufig ihre Beweglichkeit und versteinern vollständig. Mit den Jahren vermögen sie solche Schäden jedoch gleichsam auszuwachsen, sodass selbst schwer beschädigte Glieder zuweilen ihre ursprüngliche Gestalt wiedererlangen. Mit zunehmendem Alter beginnt ihr Körper aber allmählich zu erstarren. Die Bewegungen werden langsamer, die Haut verliert ihren Glanz, und schließlich setzt jene Versteinerung ein, welche von den Zwergen nicht als Krankheit, sondern als natürlicher Abschluss des Lebens betrachtet wird. Der Greis zieht sich daraufhin häufig in die tieferen Bereiche seiner Heimat zurück, wo er die letzten Jahre seines Daseins verbringt. Am Ende bleibt eine steinerne Gestalt zurück, die äußerlich einer Statue gleicht und von den Zwergen weiterhin mit großem Respekt behandelt wird.

Unter den alten Hallen vieler Zwergenreiche finden sich deshalb gewaltige Ahnenkammern, in welchen die versteinerten Vorfahren sitzen oder stehen, als warteten sie nur auf die Fortsetzung eines längst unterbrochenen Gespräches. Solange noch jemand lebt, der den Verstorbenen persönlich gekannt hat, verbleibt dessen Gestalt gewöhnlich an diesem Orte. Erst wenn auch die Erinnerung der Lebenden verblasst ist, wird der Ahn dem Berg zurückgegeben, oft durch eine feierliche Übergabe an Feuer und Lava. Der Gedanke, dass Stein zum Stein zurückkehrt, besitzt für die Zwerge eine tiefe Bedeutung.

Ihre Gesellschaft ist in Stämme gegliedert, welche nicht allein Verwandtschaft, sondern auch gemeinsame Herkunft und Verantwortung umfassen. Da zur Erschaffung eines neuen Zwerges stets zwei Angehörige ihres Volkes erforderlich sind, misst man der gemeinsamen Verantwortung für Nachkommen weit größere Bedeutung bei als Fragen des Geschlechts.

Wahrhaftigkeit genießt unter ihnen ein Ansehen, welches der Fremde zunächst leicht für Starrsinn halten mag. Manche Gelehrte führen dies auf ihre Herkunft zurück. Folgt man den alten Überlieferungen, so wurden die ersten Zwerge als Diener der Drachen geschaffen, und kaum ein Herrscher dürfte Gefallen an Dienern finden, deren Wort unzuverlässig ist. Ob hierin tatsächlich der Ursprung ihrer sprichwörtlichen Ehrlichkeit liegt, vermag der Verfasser nicht zu beurteilen. Unbestreitbar ist jedoch, dass eine Lüge unter Zwergen weit schwerer wiegt als unter den meisten anderen Völkern und nicht selten über Jahre hinweg das Ansehen eines Zwerges oder gar eines ganzen Stammes beschädigen kann.

Tatsächlich fällt auf, dass Zwerge oft Dinge aussprechen, welche andere Völker höflicherweise verschweigen würden. Dies macht sie nicht immer zu angenehmen Gesprächspartnern, wohl aber zu verlässlichen Verbündeten. Dem Verfasser wurde einmal von einem Händler berichtet, der sein gesamtes Vermögen einem Zwerg anvertraute, da er dessen Ehrlichkeit höher einschätzte als die eigene Klugheit. Ob dies als Lob für den Zwerg oder als Tadel für den Händler zu verstehen ist, mag der Leser selbst entscheiden.

Die bedeutendsten Siedlungen der Zwerge finden sich in den Gebirgen Pisars und Vincasters. Dort haben sie im Laufe unzähliger Generationen Städte geschaffen, die weniger errichtet als aus dem Fels herausgelöst scheinen. Ihre Hallen erstrecken sich oftmals über mehrere Ebenen, verbunden durch Treppen, Rampen und Aufzüge von erstaunlicher Ingenieurskunst. Nicht selten dringt man Stunden oder gar Tage in die Tiefe vor, ohne das Ende eines solchen Bauwerks zu erreichen. Viele Reisende berichten von dem Gefühl, die Zwergenreiche seien weniger Städte als vielmehr künstlich geschaffene Landschaften.

Von der Magie halten die Zwerge große Stücke, obgleich ihr Zugang zu ihr sich deutlich von jenem der Menschen unterscheidet. Während Menschen die Magie erforschen und Elben sie kultivieren, betrachten Zwerge sie vor allem als Eigenschaft der Welt selbst, welche es zu verstehen gilt. Sie verehren den geschickten Handwerker ebenso wie den mächtigen Magier und sehen zwischen beiden keinen grundsätzlichen Unterschied. Ein gut gesetzter Schlussstein kann in ihren Augen ebenso viel Weisheit offenbaren wie ein gelehrter Zauber.

Ihr Verhältnis zu den Drachen bleibt widersprüchlich. Einerseits betrachten sie diese mit Ehrfurcht, da sie nach allgemeiner Überlieferung ihre Schöpfer waren. Andererseits erinnern sie sich daran, dass ihre Vorfahren einst als Werkzeuge gedacht gewesen sein sollen. Die Freiheit ihres Volkes gilt ihnen deshalb als kostbares Gut, das mit besonderer Wachsamkeit bewahrt werden muss. Es mag hierin der Grund liegen, weshalb die Zwerge gegenüber jeder Form von Herrschaft ein gesundes Misstrauen an den Tag legen, selbst wenn sie deren Notwendigkeit anerkennen.

Viele Fremde halten die Zwerge für kalte und gefühllose Wesen, da ihr Äußeres an Stein erinnert und ihre Umgangsformen oft von nüchterner Direktheit geprägt sind. Nach allem, was der Verfasser beobachten konnte, könnte dies aber kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein. Kaum ein Volk pflegt seine Freundschaften treuer, betrauert seine Toten inniger oder hängt stärker an Familie, Stamm und Heimat. Es scheint vielmehr, als läge unter ihrer steinernen Oberfläche eine Wärme verborgen, die nicht leicht zu entfachen, dafür aber umso schwerer zu löschen ist.