Kaiserreich Drachenstein

Zur Navigation

Von den Elfen

Kaum ein anderes Volk vermag in dem reisenden Beobachter eine solch eigentümliche Mischung aus tiefer Bewunderung und vorsichtiger Verwunderung hervorzurufen wie die Elfen – jene zarten Wesen, deren ganzes Dasein im unauflöslichen Einklang mit dem organischen Gewebe der Natur zu stehen scheint. Sie wirken nicht nur als Beschützer von Wald und Flur, sondern vielmehr als lebendige Vermittler des stillen Willens jener Landschaften, die sie bewohnen.

Die äußere Erscheinung der Elfen ist von ausgesprochener Zartheit; ihre Gestalt schlank und geschmeidig, fünf bis sieben Spannen groß, die Haut blass, beinahe durchscheinend, und ihre spitzen Ohren verleihen ihnen etwas überaus Feines und Verletzliches. Ihr gesamtes Wesen scheint von jener ätherischen Flüchtigkeit durchzogen, die man sonst nur dem Morgennebel zuschreiben möchte. Ihre Gewandung fertigen sie ausschließlich aus dem, was die Natur ihnen reichlich darreicht: geflochtenes Gras, gesponnene Wurzelfäden oder lederartige Blätter, welche ihnen weniger als Schmuck denn als sichtbares Zeichen eines tiefen, gegenseitigen Verständnisses dienen – ein Verständnis, das die Natur selbst zu erwidern scheint.

Die Elfen errichten keine Häuser, wie sie andere Völker bauen. Stattdessen bitten sie Bäume und Pflanzen, ihnen Heimstätten zu gewähren; daraufhin formen sich Höhlen in den Stämmen, Dachwerke entstehen aus Blüten und Ranken. Wer je einen elfischen Hain betreten durfte – selbst aus der ehrfürchtigen Distanz des Fremden –, wird diesen Augenblick unauslöschlich in der Erinnerung behalten. Hier scheint alles in leiser Harmonie miteinander zu sprechen, zu atmen und zu leben. In der Vorstellung der Elfen sind Tiere und Pflanzen vollwertige Mitglieder ihrer Gemeinschaft, eine Ansicht, die ihnen eher als unzweifelhafte Gewissheit denn als bloßer Glaube gilt. Wer könnte sich auch einer Gemeinschaft entgegenstellen, die das Vertrauen selbst scheuer Tiere genießt und zu deren Füßen selbst das Moos geheimnisvolle Flüsterlaute trägt?

Ihre Gesellschaftsform ist in höchstem Maße matriarchalisch geprägt, angeführt von Stammesältesten – meist Frauen von außerordentlicher Weisheit und bedächtiger Autorität. Eindeutige Dorfgrenzen oder gar feste Ortsstrukturen kennt man kaum; vielmehr bilden sie ausgedehnte, fließend ineinander übergehende Gemeinschaften, deren Umrisse so unklar erscheinen wie Morgendunst über stillen Waldlichtungen.

Gegenüber Fremden zeigen sie eine beinahe kindlich-neugierige Offenheit, stets verbunden mit einem unfehlbaren Gespür für Absicht und Haltung. Jede grobe Verletzung ihrer natürlichen Umgebung – sei es das Fällen eines Baumes, das Erschrecken eines Tieres oder selbst das achtlose Zertreten eines Insekts – wird unverzüglich mit dem Entzug ihrer Gunst beantwortet. Sie leben nicht bloß neben der Natur, sondern vielmehr in ihr, und jede Störung dieses empfindlichen Gleichgewichts wird mit ritueller Strenge oder scheuem Rückzug geahndet. Ihre Rechtsprechung, bekannt für ihre poetische Strenge, zeichnet sich durch blumige Sprache aus, deren Entscheidungen jedoch endgültig und bisweilen von überraschender Härte sind.

In jenen Gebieten, die von Elfen bewohnt werden, gelten Gesetze, welche weniger auf niedergeschriebenen Kodizes beruhen, sondern vielmehr auf dem Rhythmus und der Harmonie der Natur. Ein Gesetzesbruch wird hier nicht nach Buchstaben, sondern nach der Störung des Gleichgewichtes beurteilt. Dort hingegen, wo Elfen in menschlichen Städten leben – die sogenannten Stadtelfen –, akzeptieren sie das geltende kaiserliche Recht, wenn auch stets mit deutlich elfischem Akzent.

Ihre religiösen Überzeugungen entsprechen weitgehend der Runischen Religion, doch betrachten sie deren vier Götter weniger als personifizierte Wesen denn vielmehr als Manifestationen der großen Elementarkräfte: Zerron als das feine Raunen des Windes, Marron als die innere Glut des Feuers, Nerron als das ewige Fließen des Wassers und Parn als die ruhende Beständigkeit der Erde.

Magie stellt für die Elfen kein eigenständiges Handwerk dar, sondern gehört selbstverständlich zu ihrem täglichen Leben wie Atmen und Schlaf. Ihre magischen Kräfte entfalten sich zumeist unbewusst, lassen Glühwürmchen leuchten, um dunkle Pfade zu erhellen, oder öffnen Zweigwerk, um Wege freizugeben. Wer einmal in einem alten elfischen Garten wandelte, in welchem – so sagt man – selbst die Blumen singen, der zweifelt kaum an der Wahrheit dieser Geschichten.

Die Lebensspanne der Elfen befindet sich zwischen der kurzen Vergänglichkeit der Menschen und der nahezu unsterblichen Dauer der Elben. Jahrzehnte, zuweilen gar Jahrhunderte, vermögen sie zu leben, ohne jedoch in die Zeitlosigkeit überzugehen. Ihre Jugend ist von langer Dauer, ihre Reife erfüllt von tiefgründiger Einsicht, und das hohe Alter zeigt sich weniger in Falten denn in einer fast durchscheinenden Weisheit. Die ältesten unter ihnen sprechen wenig, blicken weit und scheinen die Welt weniger mit Augen denn mit ihrem inneren Gefühl wahrzunehmen.

Elfen und Halblinge, obwohl einst verwandte Völker, haben sich mittlerweile weit voneinander entfernt – sowohl räumlich als auch geistig. Während Halblinge Ordnung, Familie und bestellte Felder lieben, bewegen sich Elfen in zyklischer Rastlosigkeit, stets im Austausch mit etwas Unfassbarem, das sich weder kartieren noch vermessen lässt. Freundschaftliche Beziehungen zwischen diesen Völkern sind selten, romantische Verbindungen nahezu unbekannt.

Wer einmal die Zuneigung der Elfen errungen hat, behält für immer einen Anteil ihrer verzauberten Welt. Doch wer sie missachtet, erlebt die Wälder Drachensteins fortan in einem anderen Licht – denn die herrschende Stille in jenen Gefilden ist selten leer.