Kaiserreich
Drachenstein

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Nur ein kleiner Ausflug

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Und ich denke, du bist netter als du zugibst.

antwortet Belle ohne nachzudenken und stimmt in sein Lächeln ein. Sie ist wirklich froh, dass er sie zum Hafen begleitet. So hat die Angst keine Zeit in ihr Aufzusteigen und womöglich noch zu verhindern, dass sie Rosener verlässt.

»Möglicherweise.«

sagt Gideon, auch wenn diese Worte bei ihm alles andere als nette Erinnerungen hervorrufen.
»Auch ich musste einmal auf die harte Tour lernen, dass, egal, wie nett und freundlich und vielleicht sogar liebevoll die Menschen um doch herum scheinen, du ihnen nie vollkommen vertrauen darfst. Bevor allem nicht als Captain der Königin.«
Warum er das ihr erzählt? Er weiß es selber nicht. Aber er glaubt, so zumindest ein wenig seine schroffe Art zu rechtfertigen.

Irgendwann ist man wegen schlechten Menschen so geschädigt, dass man auch den Guten nicht mehr vertrauen kann.

entgegnet Belle und fragt sich, ob sie in der Vergangenheit als Amelia wohl jemand hatte, dem sie vertrauen konnte. Oder der ihr vertraut hat.

Deine Erfahrungen müssen schädigend gewesen sein.

»So könnte man es wohl sagen.«

erwidert Gideon nur knapp, hat jedoch kein Interesse daran, die Geschichte noch weiter aufzuführen.

Ich war wohl einer von den schlechten..

Belle lacht bitter auf und reckt das Kinn in die Höhe, als sie ein paar besoffene Halbstarke passieren.

Gideon rückt automatisch ein wenig näher an sie heran und symbolisiert den Männern daraufhin, Belle nicht einmal krumm anzusehen.
»Es ist nie zu spät, sich zu ändern.«

Offensichtlich doch. Du hast ja gesehen, wie sie alle auf mich reagieren.

gibt Belle zurück und zu ihrem Bedauern hört man ihr den Frust über diese Situation viel zu sehr an, obwohl sie Gideon eigentlich eher schnippisch antworten wollte.

»Ich glaube, Menschen sehen das, was sie sehen wollen. Was sie erwarten zu sehen. Du musst ihnen einfach das Gegenteil beweisen. Beginne dort, wo du aufgehört hast. Beginne dein altes Leben wieder, aber… anders. Sei die, die du sein willst.«

Gideon findet, dass seine Worte ziemlich gut klingen und lächelt zufrieden vor sich hin, während sie dem Hafen immer näher kommen.

Belle erwidert nichts mehr. Schön, wenn Gideon sich das alles so leicht vorstellt. Nach Hause gehen, sein Leben ändern, zufrieden sterben. Natürlich kann er das so sagen. Er hat ein Zuhause und Erinnerungen. Und ihn würde man gewiss vermissen, sollte er eines Tages einfach spurlos verschwinden.
Was allerdings auf Belle wartet, weiss sie selbst nicht. Sie weiss nicht, wie ihr altes Leben war, hat keine Ahnung, was sie falsch gemacht und weshalb sie damit den Ärger aller auf sich gezogen hat. Wie soll man ändern, was man überhaupt nicht kennt? Wie soll man das Leben an einer Stelle wieder beginnen, die man nicht kennt?
An der Hafenmauer bleibt sie stehen und wendet sich zu Gideon um.

Das wars dann..

Gideon hat das Gefühl, sie hat nicht ganz verstanden, was er ihr sagen wollte, aber er wird es ihr nicht deutlicher machen. Sie sollte erst sich selbst finden, bevor sie und Marius in die Zukunft blicken können. Zumindest glaubt Gideon das. Aber er will sie nicht ermutigen, gar nicht erst zu gehen, denn er glaubt, dass es das Beste für sie ist, wenn sie erst sich selbst wiederfindet, oder eben diese neue Version von sich.
»Denkst du, du kommst jetzt alleine klar?«
Er weiß, es ist eine doofe Frage, aber er kann sie nicht zurückhalten.

Das wird sich zeigen.

entgegnet Belle und schürzt die Lippen. Einen Moment lang scheint sie angestrengt nachzudenken, dann wendet sie den Blick ab und sieht hinüber zu den grossen Schiffen, um Gideons Blick ausweichen zu können.

Sag ihm einfach, was du für angebracht hältst. Selbst wenn du dafür sein Bild von mir zerstören musst. Er soll meinetwegen nicht auch noch leiden.

»Sein Bild von dir würde zerstört, als Mina ihm von Amelia erzählt hat.«

sagt Gideon sanft und bedrückt.
»Aber ja, ich werde versuchen, ihm alles mögliche Leid zu ersparen. Dafür bin ich sein Bruder.«

Belle lächelt traurig. 

Meines auch.. 

Sie hebt den Arm und klopft Gideon fast schon kumpelhaft auf die Schulter. 

Leb wohl, Gideon. 

»Auf Wiedersehen, Belle.«

sagt Gideon betont und will sich mit einem sanften Lächeln bereits abwenden, zögert dann aber noch einmal.
»Du sagtst doch, diese Amelia sei recht vermögend, oder? Sicher besitzt sie doch auch Briefpapier…«

Wer weiss.. 

antwortet Belle leise. Natürlich weiss sie, worauf er anspielen will. Aber im Augenblick hält sie es für keine gute Idee, sich oder irgendjemandem sonst Hoffnungen oder Versprechungen zu machen. Wer weiss, was noch passiert. Wer weiss, was sie in Amelias Zuhause vorfindet. Und wer weiss, ob es ihr gelingt, ihre Sterne neu zu ordnen.
Sie atmet tief durch, schliesst eine Sekunde die Augen, strafft ihren Rücken, reckt ihr Kinn und tippelt dann davon, hinüber zu den grossen Passagierschiffen, die frühmorgens den Hafen verlassen. 

Gideon blickt ihr kurz noch hinterher, dann lacht er leise auf und kehrt zum Palast zurück. Sie wird es schon schaffen, da ist er sich sicher. Und vielleicht schreibt sie ihm ja tatsächlich mal einen Brief und er kann versuchen, diese Sache zwischen ihr und Marius wieder ins Lot zu bringen. Marius braucht jemand, der ihn aus vollem Herzen liebt. Genau wie er. Nur, dass Marius' Chancen dabei bedeutend besser stehen.

Morikles 1.0 Fabian Müller, 2005—2017.
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