Kaiserreich
Drachenstein

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Lorenzos Taverne

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Lorenzo da Reba 18.01.2019, 12:46

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Aufgeregtes Gemurmel macht sich in der kleinen Taverne breit. Und es sind nicht nur die Kinder, die die letzten Worte des alten Lorenzo nicht so ganz glauben wollen. Doch dieser lächelt nur wissend, trinkt einen Schluck Bier und lehnt sich zurück, um dem aufgeregten Tumult eine Weile zu lauschen. An dieser Stelle der Geschichte reagieren seine Zuhörer stets auf diese Weise, denn die Tatsache, nicht alles auf Terra in eine der beiden Kategorien „gut“ oder „böse“ einteilen zu können, erfüllt die meisten von ihnen nicht nur mit Unglauben, sondern zumeist auch mit ein wenig Angst. Was sie natürlich niemals zugeben würden.

Es dauert eine Weile, bis man Lorenzos nächste, ruhige Worte vernimmt. Doch kaum hat er sie ausgesprochen, verstummen die aufgeregten Stimmen allesamt.

Ich merke schon, einige von euch fangen an, eine gewisse Sympathie für die Dämonen zu entwickeln..

schmunzelt er und nickt seinen Zuhörern aufmunternd zu.

Doch selbst wenn Semione auf Baltils Zorn hin am Ende wohl eingesehen hat, wie selbstsüchtig sie mit ihren eigenen Geschöpfen umgegangen ist, so haben die Dämonen doch eine blutige Schneise in die Reihen der Dryaden geschlagen. Hunderte, ja tausende der Waldgeschöpfe liessen in dieser Schlacht ihr Leben. Und zwischen ihren Körpern stand eine völlig erschöpfte, niedergeschlagene Nigangana.

Jalius traf der Anblick seiner Schwester – umringt von ihren toten Geschöpfen – so sehr, dass er den Blick nicht mehr abwenden konnte. Er sah die gefallenen Dryaden, die in einem so ungerechten Kampf ihr Leben gelassen hatten, und fasste sich ein Herz. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er die blutenden, leblosen Opfer und rief die Macht seines Elementes. Er übergab die Dryaden dem Wasser, liess sie sanft in die Wogen gleiten und noch während der grosse Ozean die Opfer in sich aufnahm und verschlang, färbten sich die Wellen blutrot, begannen unter Jalius’ Zutun zu brodeln und zu schäumen.

Drei Tage und drei Nächte stand Jalius so da, sprach nicht und schlief nicht. Selbst auf die Rufe seiner Geschwister reagierte er nicht, denn all seine Konzentration und Aufmerksamkeit galt den leblosen Körpern, die tief unter seinen Füssen auf den Meeresboden hinab gesunken waren. Er hatte nicht vor, diese Geschöpfe einfach so gehen zu lassen. Zu ungerecht erschien ihm ihr Ende, zu gewissenlos und zu hart der Schlag, den seine Schwester einstecken musste.

»Er hat sie wieder zum Leben erweckt?«

fragt ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen vor Lorenzos Füssen ungläubig.

In gewisser Weise schon.

erwidert der Alte und macht eine abwägende Geste.

Aber nicht so, wie du vielleicht denkst, junge Dame. Die Dryaden wandelten sich, denn nun hatte der Hüter des Wassers seine Finger im Spiel. Er verband sie mit jenem, was er kannte und worüber er die Macht hatte. Seine Wassergeschöpfe. So begann ihre Haut in den Wassern des Ozeans in allen Regenbogenfarben zu schillern und zu glänzen und an ihren geschmeidigen Beinen wuchsen Schuppen, wo früher glatte Haut war. Doch damit nicht genug der Veränderung. Um sich in Jalius’ Element zuhause zu fühlen, musste er ihre Gestalt verändern, und sie bekamen eine kräftige Schwanzflosse.

»Meerwesen!«

entfährt es dem Mädchen begeistert und besonders die Augen der weiblichen Zuhörer beginnen verträumt zu glänzen.

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