Erst einmal ein wenig weiter mit der Beispielstory.
Entschuldigen Sie.
Andante legt eine Hand auf seinen Zylinder und deutet damit das Hutziehen an, als er sich bei dem Passanten für seine Unachtsamkeit entschuldigt. Sein Gegenüber, scheinbar ein Heizer, wenn er die schmierige Latzhose und die kräftigen Arme richtig einordnen kann, grunzt eine Erwiderung darauf und macht sich auf weiter zu kommen. Es herrscht viel Treiben auf den Straßen und sie alle strömen an den einen Platz. Kein Wunder also, wenn da der eine beim anderen anstößt. Zum typischen Geruch nach Ruß und Straßendreck kam damit auch der nach Körperschweiß und Schmierfett welcher bei so dicht zusammengedrängten Menschen unvermeidbar wird.
Immerhin findet heute eine nicht alltägliche Veranstaltung in der Stadt statt. Eine öffentliche Hinrichtung. Nicht irgendeine. Oh nein. Jeden Tag werden irgendwo Menschen getötet, dass weiß niemand so gut wie er. Gewöhnliche Verbrecher können sich glücklich schätzen, wenn der Strick oder die Kugel welche für sie bestimmt ist, ihrem Leiden innerhalb weniger Sekunden ein Ende macht. Oftmals sind derartige Stümper am Werk, welche ihre Opfer unwissentlich leiden lassen. Diebe, Mörder, Vergewaltiger, Verräter, gewöhnliches Pack eben, wird hingerichtet von demjenigen der eben dran ist. Manchmal öffentlich zur Abschreckung, manchmal eben nicht, je nach Richter.
Doch heute steht eine echte Hinrichtung an. Ausgeführt von einem gelernten Henker. Einer jener wenigen Leute welches ihrem Namen alle Ehre machen. In gewisser Weise ist ein Henker ein Kollege. Er tötet nicht nur einen bestimmten Menschen, er führt dies auch noch zur Perfektion durch… und kostet eine Stange Geld. Die Kosten für einen Henker bleiben beim Verurteilten oder seinen Hinterbliebenen. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie teuer eine fachgerechte Hinrichtung sein kann.
Doch da es sich jedes Mal zu einem wahren Spektakel entwickelt, versammeln sich die Leute um dem bei zu wohnen.
Fröhlich pfeifend, mit schwingenden Spazierstock verschafft er sich Platz. Seine feine Kleidung, der schwarze Zylinder, der weite Mantel, das alles weist ihn als gut betuchten Herrn von Welt aus und verschafft ihm so den Durchgang durch die Massen. Die Menschen machen ihm Platz ohne zu ahnen, welchem Handwerk er hinter seinem freundlichen Lächeln nachgeht. Woher sollten sie auch? Wer ihm nicht Platz machen will, den drückt er mit seinem Stock elegant zur Seite. Niemand wagt es sich ihm offen entgegen zu stellen. Bei solchen Veranstaltungen sind immer jede Menge Wachleute unterwegs. Auch jene ohne Uniform. Und wer Ärger macht, wird oftmals nicht nur des Platzes verwiesen. Und wie überall gilt… wer Geld hat, hat Recht. Es sei den jemand mit mehr Geld sagt etwas anderes.
So kann er sich eine gute Stelle weit vorne an der Tribüne ergattern zwischen anderen Bürgern der Mittelschicht. Andante mustert die Leute um sich herum. Neumodische Kleidung, keckes Auftreten, übertriebens Gehabe. Ein Rudel von Fabrikbesitzern. Neureiche, wie sie oft vom altehrwürdigem Adel spöttisch genannt werden. Ihre Väter und Mütter waren zumeist noch gewöhnliche Handwerker oder kleine Banker. Ein paar Ziegelbauten, Kamine und Maschinen später halten sie sich für die neue Generation an der Spitze. Einer von ihnen fällt Andante nicht unbedingt wegen seiner Kleidung auf. Sein Jackett ist in der Brustgegend ausgebeult, und das in einem Rahmen, welcher eine mehrläufige Schusswaffe vermuten lässt. Überaus ungeeignet zum Verstecken und Andante möchte schon den Kopf schütteln, als ihm ein Fleck am weißen Ärmel des Herrn auffällt. Ein leider sehr hässlicher Schmierfleck. Aber nicht irgendeiner. Waffenöl. Er nimmt den Mann noch einmal ins Auge und erkennt ihn schließlich als einen hiessigen Waffenfabrikanten. Seine Silhouette ziert das Wappen auf seinen Produkten, nur dass sich seine Gesichtszüge durch eine übermäßige Zufuhr von Nahrungs- und Genussmittel in den letzten Jahren geweitet haben. Da er weiß wie schlecht das Waffengeschäft seit dem Frieden läuft, vermutet er, dass dieser sich andere Kunden als das Militär gesucht hat. Vielleicht die kriminellen Blaks? Oder gar die Leute aus Mathel welche eigentlich immer Ärger bedeuten?
Seine Überlegungen werden unterbrochen, als der Gefangene hergebracht wird. Die Stimmen und das Gemurmel um ihn herum verstummt und die Aufmerksamkeit richtet sich nach vorne. Der Henker trägt eine lange Seidenrobe aus dunklem Violett mit Goldstickereien welches ein Richtschwert zeigt das sich von seiner Kapuze bis zu seinen Füßen abzeichnet. Neben ihm steht ordentlich gekleidet in einem gut sitzendem Frack in dunklem Waldgrün mit Zahlreichen Rüschen und verziert mit Edelsteinen und Halbedelsteinen ein Mann mittleren Alters. Offenbar wurde ihm erlaubt sich anständig zu richten, weder die Frisur noch der fein gestutzte Backenbart mit weissen Ansätzen zeigen, aus welchem Kerker er gerade kommt. Ebenso gut hätte er gerade auf dem Weg zu einem Empfang sein können. Eine schwere Goldkette mit Insignien zeichnet ihn als Vorstand eines alten Hauses aus. Zwei befestigte Ordensbänder als dekorierter Kriegsteilnehmer. Dafür spricht auch der gut trainierte, wenn auch in die Jahre gekommene Körperbau.
Der Henker weitet die Hände und Stille breitet sich aus. Zuerst wendet er sich an die Zuschauer unter dem Pavillon. Andante folgt seinem Blick. Die Vertreter der verschiedenen Herrscherhäuser unter ihrem Sonnenschutz sitzend verfolgen das Vorspiel mit unterschiedlichem Interesse. Gepuderte Perücke und Rüschen neben feinem Samt und Seide, Männer wie Frauen, der ein oder andere weißt ein Überbleibsel des Krieges auf. Mag es eine mit Medaillen überschmückte Uniform oder eine mechanische Prothese sein. Beobachtungsferngläser werden gezückt und Andante hat keinen Zweifel daran, dass sie den Verurteilten persönlich kennen.
Verehrte hohe Damen und Herren. Oberhäupter der Hohen Häuser und der Familien des Landes.
Und auch Euch, Bürger, hört her.
Der Henker spricht in ein Kohlemikrofon, seine Stimme wird mit starkem Rauschen durch die Lautsprecher überall auf den Platz hin übertragen.
Ich präsentiere Euch Lord Emory Vendroux, Oberhaupt des Hauses Vendroux, welcher sich folgende Verbrechen schuldig gemacht hat: In schändlicher Absicht soll er den Auftrag zur Ermordung seines ehrenwerten Geschäftspartners und Freundes Lord Theodore Chesnick zur persönlichen Bereicherung erteilt haben. Dies hat er getan um sich selbst zu bereichern und ohne Berücksichtigung der Gefährdung des Friedens unseres Landes. Das Gericht hat die Beweise geprüft und Lord Vendroux zum Tode verurteilt.
Lord Emory Vendroux, bitte teilt uns mit ob die Beschuldigung zustimmt und Ihr das Urteil des Gerichts anerkennt.
Der Beschuldigte, oder besser gesagt der Verurteilte wird an das Mikrofon geführt. Jeder kann sehen, dass er keine Handschellen trägt. Dies wäre auch sehr respektlos. Seine Stimme ist fest und zeugt von seinem hohem Stand. Trotzdem kann er einen Anflug von Panik und Angst in seinen Zügen erkennen.
Die Beschuldigungen sind wahr und ich nehme das Urteil an.
Ein Raunen geht durch die Menge. Einige machen ihrem Ärger Luft und schreien Verwünschungen und Flüche heraus. Die Wachleute behalten die Leute im Blick damit es niemand übertreibt. Immerhin ist der Verurteilte von Adel. Der Henker übernimmt wieder das Wort und wendet sich traditionell wieder an die hohen Besucher.
Ihr habt die Worte von Lord Vendroux gehört. Möchte jemand Einspruch gegen das Urteil des Gerichts erheben oder es bestätigen?
Alle Augenpaare wandern wieder hinüber. Nicht weil jemand wirklich einen Einspruch erwartet. Schließlich ist diese Frage eine reine Formsache. Ein Einspruch würde zwar eine erneute Prüfung des Prozesses bedeuten, doch in der Realität würde sich kaum jemand die Blöße geben seine Position zu riskieren für einen zum Tode verurteilten. Den, wenn schon ein Lord hingerichtet wird, dann nur weil er keine Freunde oder Verbündeten mehr vorweisen konnte.
Nein, alle wollen wissen wer zum Urteilsbestätiger ausgesucht wurde. es ist für Andante keine große Überraschung als eine Dame in Scharlachrot sich erhebt. Mit Mantel und Schlapphut unter dem ihre Schwarzen Locken bis zu ihrer Schulter hervorquellen. Lady Cassandra Penthes, auch die rote Lady genannt. Unter ihrem Hut funkelt ihr künstliches Rubinauge hervor und sie steht sicher auf ihrem künstlichen Bein. Als einige der wenigen Herrscherinnen des Landes ist sie keinem traditionellem Hause angehörig. Dafür sind ihre Kriegerinnen berühmt und berüchtigt. Amazonen. Soldatinnen die ihr unterstehen und die Hüterinnen des Reiches darstellen. Im Krieg hat sie mehr Todesurteile gefällt als jeder andere Befehlshaber. Ihre Worte sind energisch und voller Energie und Verachtung.
Kein Einspruch. Hiermit bestätigen wir das Urteil. Vollstreckt es.
Kurz und präzise. Der Henker gibt sich damit zufrieden. Von einem Assistenten lässt er sich einen goldenen Kelch bringen dem er Lord Vendroux zum trinken anbietet. Sein Inhalt ist ein bewährtes Beruhigungsmittel welches auch noch die Blutverdünnung anregt. Damit ist selbst bei einem schlechten Schlag der Tod gewiss. Gierig nimmt der Verurteilte die Gabe an sich. Die Wirkung tritt fast sofort ein und lässt ihn seine Angst von vorhin vergessen.
Dann wird er an ein gut gepolsterten Richtblock geführt. Im Grunde eine üppige Kanapee auf welchem es sich sichtlich bequem liegen lässt.
Mit Eurem Tod, Lord Emory Vendroux, ist alle Schuld von Euch gewaschen. Weder Eure Familie, noch Euer Haus dürfen Schaden erleiden oder für Eure Vergehen missachtet werden. Ihr habt damit gesühnt und werdet im Jenseits freudig willkommen geheißen. Die Menschen denen Ihr Unrecht getan habt, werden Euch vergeben.
Wenn Ihr es wünscht, dürft Ihr beten und Eure letzten Worte sprechen.
Andante ist ein wenig enttäuscht. Bei der letzten großen Hinrichtung mit Stil hatte der Henker Musik und Tänzer an zu bieten. Sie haben für eine ganz andere Atmosphäre gesorgt. Dieser hier zelebriert das Ganze ein wenig zu sachlich findet er, fast wie eine Messe. Immerhin kommen jetzt die letzten Worte des Toten. Das könnte interessant werden.
Ich möchte all jenen welche ich Leid angetan habe um Verzeihung bitten. Ewig soll der Frieden halten, welcher durch Krieg geschmiedet wurde. Denkt und ehrt…
Die folgenden Worte kann er nicht mehr verstehen. Tumult in der Menge welches sein übliches tut. Wovon hat er zuletzt gesprochen? Andante konnte es nicht verstehen.
Lord Vendroux zupft sein Gewand zurecht und legt sich dann hin. Der Henker achtet bis zuletzt noch auf die Bequemlichkeit des Verurteilten, dann lässt er sich seine Waffe bringen. Eine große Axt mit zahlreichen eingeätzten Verzierungen und Rillen. Ein ganz schön brachiales Werkzeug, aber ohne Frage ein Meisterstück. Der Henker setzt noch einen Kuss auf den plank polierten Stahl und holt aus. Das Publikum hält den Atem an.
Ohne einen überflüssigen Laut schlägt er zu, dem Adelsmann dem Kopf vom Leib. Das Volk jubelt. Einige der zu euphorischen Hurra-Rufer werden gleich von den Wachmannschaften hinweggeschaft. Sie hatten wohl verdächtig zu viel Vergnügen am Tod eines Angehörigen der Oberschicht. Jetzt dürfen sie sich einige Fragen gefallen lassen. Eingesperrt wird sicher niemand von ihnen, … jedenfalls wenn sie nicht dumm sind.
Der Henker nimmt den abgeschlagenen Kopf aus dem Korb und säubert ihn fein säuberlich mit einem Taschentuch von den Blutflecken. Erst als auch Frisur und Bart wieder sitzt, hält er ihn wie eine Reliquie in die Höhe und zeigt ihn in alle Richtungen.
Für Andante ist dies das Zeichen zum aufbrechen. Er muss zu seinem Auftraggeber und seiner Arbeit nachgehen. Immerhin, ein interessanter Nachmittag.