Von den Vampiren
Wahrhaftig gibt das Volk der Vampire dem aufmerksamen Reisenden vielfachen Anlass zu Verwunderung, ja, zuweilen gar zur Furcht – und dies, obwohl ihr Gebaren oft nicht unähnlich dem der Menschen erscheint. Doch wie stille Wasser ihre Tiefe verborgen halten, so verhält es sich auch mit diesen Wesen, die der unerbittlichen Gewalt der Zeit entrückt sind. Sie wandeln in der Welt, doch altern nicht mit ihr, denn ihre Natur trotzt dem Verfall.
Ihren Ursprung teilen die Vampire wohl mit dem Menschen, doch scheint es, als seien sie, gleich dem Elben, durch magische Einflüsse oder – wie manch einer im Geheimen flüstert – durch das Wirken uralter Mächte verändert worden. So verfügen sie über die Gabe, nicht zu altern, Krankheit zu trotzen, ja gar schwere Verwundungen, solange nur ein Funken Lebenskraft bleibt, durch die wundersame Macht der Regeneration zu heilen. Nur jene Verletzungen, die ihre inneren Organe irreparabel schädigen, können sie endgültig dem Tode überantworten.
In ihrem äußeren Erscheinungsbild tragen Vampire unverkennbare Züge, die sie selbst unter tausend anderen Wesen verraten: hochgewachsen und von schlanker Gestalt, mit spitz zulaufenden Ohren, die an jene der Elben erinnern, und Augen, deren Iris oft in einem tiefen Rot schimmert, als glühe darin noch ein Funke des uralten Feuers, das sie geformt hat. Ihre Eckzähne sind leicht verlängert und zugespitzt, was dem Lächeln mancher Vampirin einen Ausdruck sowohl von Anmut als auch von Drohung verleiht.
Ihre Neigung zu besonderen Schulen der Magie, vor allem zur edlen Kunst der Verwandlung, ist weithin bekannt. So vermögen manche unter ihnen, ohne erkennbare Mühe die Gestalt von Tieren anzunehmen, andere wiederum entschwinden den Augen wie Dunst im Morgennebel, und wieder andere beherrschen Formen der Heilung, welche selbst gelehrte Köpfe ratlos zurücklassen. Doch diese Talente sind nicht dem bloßen Willen, sondern vielmehr der inneren Klarheit und Beherrschung unterworfen; in Zorn oder Zerstreuung versagen selbst den ältesten unter ihnen ihre Kräfte.
Das Alter der Vampire, nicht in Jahren, sondern in Jahrhunderten gemessen, hinterlässt tiefe Spuren in ihrem Wesen. Denn mit wachsender Lebensdauer zieht oft eine schwermütige Distanz zur Welt in ihre Gemüter ein – ein Zustand zwischen Gleichgültigkeit und stillem Wahnsinn. So wird die Gabe der Unsterblichkeit nicht selten zu einem Fluch der inneren Zersetzung, und eben dieses Bewusstsein nagt stetig an ihnen, wie die Wellen an der Klippe.
Die gesellschaftliche Ordnung der Vampire gestaltet sich traditionell in Clans, welche alle Nachkommen eines Ahnherrn oder einer Ahnfrau umfassen und deren Mitglieder durch ein fein gewobenes Netz aus Blut, Tradition und Verpflichtung eng verbunden sind. Innerhalb dieser Clans herrscht eiserne Disziplin, während sie nach außen hin oft mit bezaubernder Eleganz und vollendeten Manieren auftreten. Nicht wenige von ihnen zählen zur Oberschicht des Kaiserreiches, da sie gebildet, wohlhabend und weitgereist sind, jedoch auch stets von einer gewissen weltfernen Aura umgeben.
Es gibt jedoch jene, welche sich von ihren angestammten Clans losgesagt haben, und welche deshalb abtrünnig genannt werden. Diese leben häufig als Einzelgänger oder schließen sich zu losen, neuen Gemeinschaften zusammen. Solche Abweichungen werden von traditionellen Vampiren argwöhnisch betrachtet, gar als frevelhaft empfunden. Dennoch sind unter diesen Freigeistern oft die kreativsten Köpfe zu finden, etwa Künstler, Gelehrte und Magier, denen die engen Strukturen ihrer Vorfahren unerträglich wurden.
In Fragen des Glaubens erweisen sich Vampire als äußerst vielseitig. Ursprünglich Marron, dem Gott des Feuers und der Wandlung, ergeben, entstanden über die Jahrhunderte zahlreiche eigene Kulte. Zwei große Richtungen stachen hervor: eine dunkle, mystische, von nächtlichen Ritualen, Rauchopfern und Spiegelzeremonien begleitete sowie eine lebensbejahende, sinnliche Linie, geprägt durch Parn, die Schönheit und Genuss zelebrierend. Letztere erfreute sich zuletzt wachsender Beliebtheit, nicht zuletzt dank der Gunst der kaiserlichen Familie.
Einst blieben insbesondere zwei altehrwürdige Clans – die Lithorianer und die Mayxdoner – dem ursprünglichen Marronkult treu. Als ihre Riten jedoch in Misskredit gerieten, zogen sie sich zurück, verborgen in unterirdischen Katakomben und sumpfigen Einöden, kaum mehr als Legenden hinterlassend – Glyphen, Masken und verblichene Spuren, die bisweilen bei Ausgrabungen ans Tageslicht gelangen.
Ihre Ursprünge führen die Vampire auf uralte Siedlungen in den Bergen Aurons zurück, von wo aus sie sich durch Pisar und Vincaster bis nach Malazien, Pretanz und zuletzt Pelata im Osten sowie nach Esturien im Westen verbreiteten. Ihre Spuren durchziehen das Kaiserreich, im Osten deutlicher als im Westen sichtbar.
Auch der gegenwärtige Kaiser, wie schon seine Ahnen, entstammt dem alten Vampirgeschlecht der Draker. Mit ihrem Aufstieg wandelte sich die Wahrnehmung der Vampire grundlegend. Nicht mehr Fremde allein waren sie, sondern maßgebliche Gestalter der Geschichte, zugleich bewundert und mit einer Aura geheimnisvoller Unergründlichkeit umgeben.
Was ihre Nachkommen betrifft, so ist die Verbindung mit Menschen oder Elben möglich, wenngleich selten. Solche Mischlinge leben oft zwischen den Welten, teils geächtet, teils als Vermittler geschätzt. Die Gelehrten unterscheiden solumhomiale Vampire (solche, die mit Menschen kompatibel sind) von solumedilialen (solche, die sich mit Elben verbinden können). Reine Vampirnachkommen wiederum entstehen fast ausschließlich aus der Verbindung zweier bereits vampirischer Elternteile. Gleichwohl sind solche hybriden Nachkommen – zwischen Vampir und Mensch oder zwischen Vampir und Elb – in aller Regel unfruchtbar, als habe die Natur selbst ihnen den Weg zu einer eigenen Linie versagt.
Vampire sind Wesen klarer Loyalitäten. Wer einmal ihre Freundschaft gewinnt, darf sich glücklich schätzen; wer sich hingegen ihre Feindschaft zuzieht, der bedenke: Die Zeit steht stets auf Seiten jener, die nicht vergehen.
Ihre Sprache ist geschliffen, präzise, oft altertümlich. Ihre Häuser bergen Bibliotheken voller geheimen Wissens, und in ihren Städten blühen edle Salons. Wer verborgene Wahrheiten sucht, mag sie vielleicht in den Folianten ihrer privaten Archive finden – denn wer Auskunft über Dinge sucht, von denen man glaubt, dass sich niemand je ihrer angenommen habe, tut gut daran, es in den Archiven eines betagten Vampirs zu versuchen.
Und dennoch: Jeder Vampir weiß tief in seinem Inneren, dass die Ewigkeit allein keine Erlösung verspricht. Vielleicht verleiht ihnen gerade diese Erkenntnis jenen melancholischen Zauber, welcher sie zugleich so faszinierend wie unnahbar erscheinen lässt.
Denn wie das alte Sprichwort sagt: »Ein Vampir stirbt nicht, er verliert sich.«