Kaiserreich Drachenstein

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Von den Elben

Unter allen Völkern Drachensteins dürfte keines den Reisenden gleichermaßen zu Bewunderung und Ratlosigkeit verleiten wie das der Elben. Denn obgleich ihre Sitten vielerorts beschrieben wurden und ihre Städte zu den bekanntesten des Reiches zählen, bleibt nach jeder Begegnung mit ihnen das eigentümliche Gefühl zurück, etwas Wesentliches übersehen zu haben. Man mag Jahre unter ihnen verbringen, ihre Sprache erlernen, ihre Bücher lesen und ihre Hallen durchschreiten, und dennoch wird man bisweilen gewahr, dass die Elben selbst die Welt aus einer Warte betrachten, die dem Menschen nur schwer zugänglich ist.

Von hoher und schlanker Gestalt, mit feingeschnittenen Gesichtszügen, spitzen Ohren und einer Anmut, die selbst ihre Gegner nur widerwillig leugnen, werden Elben gemeinhin als das schönste der Völker angesehen. Ihr Haar tragen sie meist lang und sorgfältig gepflegt, und ihre Augen zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt von Farben, darunter tiefes Blau, klares Grün, helles Silber und jenes seltene Gold, welches unter ihnen als glückverheißend gilt. Ihre Gewänder bestehen häufig aus fließenden Stoffen von großer Feinheit, deren Schnitte sich über Jahrtausende hinweg kaum verändert haben. Selbst jene Elben, die in den Städten des Reiches leben und sich den dortigen Moden anpassen, tun dies meist in einer Weise, die keinen Zweifel an ihrer Herkunft lässt.

Wer die Kunst und Lebensweise der Elben studieren möchte, dem seien vor allem Laigen und Alzartin in Malazien sowie die alte Stadt Auron zu Pisar empfohlen, deren Name in nahezu jeder Erzählung über die Geschichte dieses Volkes genannt wird. Dort erheben sich Bauwerke von solcher Eleganz, dass man bisweilen versucht ist zu glauben, sie seien gewachsen statt errichtet worden. Weiße Marmorbögen umschließen stille Höfe, Wasserbecken spiegeln die Wandelgänge wider, und zwischen den Mauern finden sich Gärten, die ebenso sorgfältig gestaltet erscheinen wie die Gebäude selbst. Nicht selten vermag der Besucher kaum zu sagen, wo das Werk der Hand endet und das der Natur beginnt.

Es fällt dem Fremden bald auf, dass die Elben Dinge schätzen, die andere Völker längst vergessen hätten. Alter besitzt bei ihnen ein Gewicht, das kaum überschätzt werden kann; Abstammung wird mit vornehmster Ehrfurcht betrachtet, und Loyalität gilt als Tugend von solchem Rang, dass ihr selbst Wahrheit und Nutzen gelegentlich nachgeordnet werden. Während Menschen ihre Ahnen ehren, leben diese Ahnen bei den Elben nicht selten noch selbst unter ihnen. Familiengeschichten reichen Jahrtausende zurück, und Bündnisse oder Verfehlungen längst vergangener Zeiten vermögen das Ansehen eines Hauses bis in die Gegenwart zu prägen.

Dem Verfasser wurde wiederholt berichtet, dass manche Streitigkeiten unter Elben ihren Ursprung in Ereignissen hätten, die sich viele Jahrhunderte vor der Geburt der heute lebenden Menschen zutrugen. Ob dies stets wörtlich zu nehmen ist, vermag er nicht zu sagen; doch besteht kein Zweifel daran, dass die Elben ein außergewöhnlich langes Gedächtnis besitzen, sowohl im Guten als auch im Schlechten.

Die Ordnung ihres Volkes beruht weniger auf niedergeschriebenen Gesetzen als auf Gewohnheiten von solchem Alter, dass sich kaum noch jemand ihres Ursprungs erinnert. Die Ältesten genießen höchsten Respekt, obgleich viele von ihnen im Laufe der Jahrhunderte eine eigentümliche Entrücktheit entwickeln. Nicht selten sitzen sie stundenlang schweigend in Gärten oder Hallen, betrachten das Spiel des Wassers oder lauschen dem Wind in den Bäumen. Spricht man mit ihnen, so antworten sie häufig in Gleichnissen oder mit Erinnerungen an längst vergangene Begebenheiten. Es mag große Weisheit darin liegen; doch muss eingeräumt werden, dass manche Unterredung mit einem sehr alten Elben mehr Fragen hinterlässt, als sie beantwortet.

Von allen ihren Künsten dürfte keine so hoch geschätzt werden wie die Magie. Doch betrachten die Elben diese nicht als Werkzeug, sondern vielmehr als eine Form der Andacht. Wo andere Völker nach schnellen Lösungen suchen, denken Elben in Jahrzehnten und Jahrhunderten. Ein Hain wird nicht bloß gepflanzt, sondern über Generationen hinweg geformt. Schutzzauber werden nicht bloß errichtet, sondern kultiviert. Man gewinnt bisweilen den Eindruck, als sei ihnen nicht die Vollendung eines Werkes wichtig, sondern dessen Harmonie mit allem, was es umgibt.

Im Glauben folgen die Elben heute überwiegend den Göttern der Runischen Religion, obgleich sie viele ihrer Mythen als weit älter ansehen als die gegenwärtige Lehre. Nicht wenige ihrer Gelehrten vertreten die Auffassung, dass große Teile der runischen Schöpfungsüberlieferung ursprünglich aus elbischen Quellen stammen. Ob dies zutrifft, vermag der Verfasser nicht zu beurteilen. Gewiss ist jedoch, dass die Elben ihre eigene Geschichte als bedeutend älter betrachten als jene des Reiches.

Und hierin liegt wohl der Schlüssel zum Verständnis ihres Wesens.

Denn die Gründung des Königreiches des Drachen, aus welchem später das Kaiserreich hervorging, wird von den Menschen gemeinhin als Beginn einer neuen Zeit gefeiert. Für die Elben hingegen markierte sie das Ende einer alten. Zur damaligen Zeit bestand noch das sogenannte Ewige Reich, dessen Niedergang sie bis heute als tiefen Einschnitt ihrer Geschichte betrachten. Noch immer begegnet man alten Elben, die von jener Epoche mit einer Trauer sprechen, als läge ihr Ende nicht sechstausend Jahre, sondern bloß einen Tag zurück. Dem Menschen mag dies befremdlich erscheinen; doch muss bedacht werden, dass unter den Elben nicht wenige leben, deren Eltern und Großeltern jene Ereignisse selbst erlebt haben und deren Häuser die Erinnerung daran wie einen kostbaren, wenn auch schmerzlichen Schatz bewahren.

Es ist kein Geheimnis, dass die heute gebräuchliche drakische Zeitrechnung auf einer älteren elbischen Zählung beruht. Nach alter Überlieferung sahen die Sternkundigen jener Zeit in der Reichsgründung den Beginn eines neuen Zeitalters, welches sie als Zeitalter der Auflösung oder gar der Vernichtung deuteten. Dass sie sich dennoch mit dem Reich arrangierten, zeugt von jener Geduld, die nur Völkern eigen ist, deren Maßstab Jahrtausende umfasst.

Es dünkt den Verfasser bisweilen, als lebten die Elben nicht allein in der Gegenwart, sondern zugleich in einer Welt, die längst vergangen ist und deren Verlust sie niemals ganz verwunden haben. Vielleicht rührt daher jener eigentümliche Zug ihres Wesens, welcher dem Fremden zugleich als Weisheit und als Hochmut, zugleich als Gelassenheit und als Trauer erscheinen mag.

Im Umgange mit den übrigen Völkern begegnen die Elben ihren Mitgeschöpfen meist mit großer Höflichkeit. Verweilt man jedoch länger unter ihnen, so entsteht unweigerlich der Eindruck, dass diese Freundlichkeit weniger aus Gleichrangigkeit denn aus Nachsicht erwächst. Die Menschen erscheinen ihnen rastlos und kurzsichtig, die Halblinge angenehm, aber provinziell, die Elfen sonderbar entrückt. Den Vampiren allein gestehen sie eine Würde zu, die jener des eigenen Volkes nahekommt, während sie den Zwergen eine vorsichtige Anerkennung zollen. Drachen wiederum gelten ihnen weniger als Volk denn als Naturgewalten, deren Worte man anhören, deren Absichten man jedoch besser nicht hinterfragen sollte.

Vielleicht liegt hierin die eigentliche Tragik der Elben. Denn wer Jahrtausende lebt, sieht nicht nur Reiche entstehen und vergehen, sondern erlebt auch, wie Gewissheiten verblassen, Erinnerungen trügerisch werden und selbst die weisesten Urteile ihren Glanz verlieren. Und so mag es kommen, dass manche unter ihnen die Vergangenheit klarer sehen als die Gegenwart und die Gegenwart klarer als die Zukunft – ein Schicksal, das manchem Menschen als Weisheit erscheinen mag und manchem Elben als Bürde.