Kaiserreich
Drachenstein

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Ein langer Weg

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Kyra 29.09.2015, 21:11

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Reger Straßenlärm. Das Geschrei von Händlern welches ihre Waren anpreisen, das Schwatzen von Leuten über neueste Ereignisse, Klatsch, Tratsch und Gerüchte und das schnaufen, ächzen und stöhnen der Knechte und Mägdte unter ihren Lasten und Arbeiten. Die ganze Stadt ist voll davon und helfen Kyra sich ihren Weg zu bahnen. Ihr Geldsäckchen mit ihren Ersparnissen ist fast leer. Und weit dürfte sie noch nicht gekommen sein. Den bei ihrer Nachfrage wurde ihr mitgeteilt, dass sie sich zwar jetzt in Esturien befinden, und dieses auf dem Weg zur Hauptstadt Pretannica liegt, aber sie nicht einmal die Hälfe des Weges hinter sich hätte.
Jetzt ist sie schon seit drei Tagen unterwegs in dieser Stadt und hält die Ohren auf für eine Mitfahrgelegenheit. Ein Schiff nach Pretannica, wo sie kostengünstig, besser sogar umsonst mitfahren könne. Leider hatte sie bisher Pecht gehabt. Die Schiffe fuhren nach Daechra, Khine, Rosener, Korayn, Teygul und Meris. Die meisten dieser Städte sagen ihr nichts. Es mag schon sein, dass sie auf dem Weg zu ihrem Ziel liegen, aber was wenn sie sich falsch entscheidet? Und was hilft es ihr, wenn sie ihr letztes Geld für eine Schiffspassage ausgibt, welches sie ihr Ziel zwar näher bringt, sie dort aber endgültig festsitzt?
Kyra hätte schreien können, während sie unter Zuhilfenahme eines Stockes ihren Weg durch die Leiber sucht. Inzwischen kennt sie jeden Stein und jede Biegung auf ihrem Weg. Nur die Städter selbst, die stehen natürlich immer wo anders.
Mir geht langsam das Geld aus… Spricht sie laut in Gedanken. Ihre innere Stimme schwieg. Kyra nimmt sich vor, das nächste Mal wenn die Stimme still sein sollte sie um Geld zu bitten.

Kyra vollführt weiterhin ihre Runde, bis die erlösenden Worte endlich an ihr Ohr kommen.

»…zweihundert Ballen nach Pretannica, nehmen noch das Zeug der Händler dort auf und dann endlich zurück nach Valya. Und dann, weiß Nerron wann ich wieder her komme. «
Kyra wird langsamer und geht vorsichtig in Richtung der Quelle. Schon bald strömt der vertraute salzwassergeruch eines Matrosen in ihre Nase, den sie seit ihrer Ankunft in der Hafenstadt kennen gelernt hat. Sie wird noch langsamer, macht aber keine Anstalten stehen zu bleiben, da dies in einer gedrängten Stadt seltsamer aussieht wie eine Blinde die die Straßen kennt. Der Matrose unterhält sich noch eine Weile weiter mit einer Frau etwa gleichen Alters und kratziger Stimme. Offenbar lässt sie nicht locker damit ihn wieder zu sehen. Eine Schwester? Eine vertröstete Geliebte? Kyra musste sich nun einen Platz an einer Mauer suchen, nur ein paar Schritt vom Päarchen entfernt und setzt sich wie eine gewöhnliche Bettlerin hin und hält die Hand auf, während sie weiterhin dem Gespräch zu folgen versucht.
Offenbar fährt das Schiff des Mannes schon morgen früh und befördert nur Waren. Die Frage um eine Mitfahrt kann sie sich also sparen. Immerhin dürften auch eingelegte Lebensmittel sich unter den Sachen befinden. Wenn sie es schafft sich unters Deck zu schleichen und mitzufahren. Sie könne sich sicher irgendwo verstecken und heimlich wie eine Ratte etwas stibitzen bis sie in Pretannica ankommen. Eine Münze landet in ihrer offenen Hand. In den letzten Tagen hat sie ihren Schmerz runterschlucken müssen um Überleben zu können. Betteln war das einzige wofür sie hier Geld bekam. Sie konnte Kochen, Wäsche machen, alles mit ein wenig Übung mindestens genausogut wie jede andere Magd aber niemand wollte es mit ihr versuchen. Sie konnte es ihnen nicht verdenken. Durch die Blindheit und ihre Stummheit konnte sie sich in neuer Umgebung nur schwer zurecht finden und auch die Gespräche wurden langatmig. So glaubten viele sie wäre schwachsinnig oder zurückgeblieben und waren nicht bereit ihr eine ernsthafte Arbeit an zu vertrauen. Obwohl sie das wusste, beleidigte es sie jedes Mal aufs neue. Ich werde mich schon noch beweisen.
Dieser Gedanke hatte sich schon seit einiger Zeit in ihrem Hirn festgesetzt. Sie wollte kein Mitleid. Leider ist genau das das einzige auf das sie zur Zeit bauen konnte. Dafür hasst sie sich selbst. Jedes Mal ein Stückchen mehr.

Endlich hatte das Paar sich verabschiedet. Sie weiß, in der Menschenmenge würde sie ihn verlieren, wenn sie ihm nicht gerade dicht auf den Fersen blieb. Dabei würde sie alle Heimlichkeit vergessen können. Für dieses Problem hatte sie aber einen Ausweg parat. Ihre unbenützte Hand griff in eine Tasche und suchte einen kleinen Gegenstand. Gerade als sie die Schritte des Herrn an sich nähern hört, streckt sie unmittelbar ihren Gehstock aus. Mit einem lauten Schrei fällt der Seemann zu Boden, direkt vor ihre Füße. Mit größter Umsicht steht Kyra auf und nähert sich dem sich langsam aufrappelnden. Ihre Hände ertasten seinen Körper, sein Bein, seine Hose und führen eine schnelle Handbewegung aus, während sie unter mehrmaligenden entschuldigenden Verbeugen dem Gestürzten aufhilft. Lautes Fluchen ist zu hören, Schimpf und Zorn über sie. Kyra schluckt alles hinunter und verbeugt sich nocheinmal. Wütend humpelt der Mann davon, und kann zwischen seinem Gezeter das leise Klingeln eines Glückchens nicht hören, welches Kyra mit einer Nadel an seiner Hose angebracht hat. Zum ersten Mal seit langem erlaubt sie sich ein Grinsen. Jetzt wird es einfacher ihm zu folgen.


Hab mich lange mit Kyra einsiedlerisch bewegt. Jetzt soll mein blindes, stummes Mädchen sich einen Weg zu ihrem Schicksal bahnen. Jeder ist eingeladen ihr über den Weg zu laufen.
Irgendwie schreibe ich gerne mit Kyra lange Romane…

Na klar les ich gespannt mit! )">

Kyra 20.11.2015, 15:14

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Die nächsten Wochen waren keine Erholung für die Magd. Durch ihren Ausflug und ihr unfreiwilliges Bad sind nicht nur ihre sämtliche Kleidung mit einer steifen Salzkruste belegt, auch ihren Geldbeutel hat sie im Tumult verloren, mit den wenigen Habseligkeiten die sie noch besaß. Nun muss sie sich gezwungenermaßen als Bettlerin durchschlagen. Das wenige was die Leute ihr hinwerfen gibt sie für Essen aus.
Die Stimme in Ihrem Kopf hat sich nur kurz gemeldet und Kyras Erzählungen gelauscht. Sie schien ungewöhnlicherweise verständnisvoll zu sein und versprach sich um sie zu kümmern. Seit dem herrscht Stille und nachdem einige Tage vergangen sind, beginnt die Hoffnung von Kyra zu schwinden jemals wieder etwas von der Stimme zu hören. Seit sie von der Akademie aufgebrochen sind, meldete sie sich mit immer größerem Abstand wieder. Er lässt mich allein. Dieser Gedanke kommt ihr immer öfter. Was bindet ihn schon an sie?

Dann, nach einigen Tagen kommt ein wohlbekanntes Klingeln ihr zu Ohren. In einer Seitengasse, gleich hinter einem Wirtshaus findet sie nach einer langen Suche ein Nagetier welches sich in seiner Gier nach Essensresten selbst in eine Falle aus Holz und einer Metallfeder bugsiert hat. Du hast mich gerettet. Jetzt sind wir quitt. Überlegt sie als sie mit umständlichen Griffen die Falle öffnet und das Frettchen befreit. Sofort zische es von ihr. Verharrte aber in einiger Entfernung, wie Kyra aber feststellte, und nachdem sie ihre letzten Essensreste angeboten hatte, ließ sich das Frettchen sogar füttern. Seit diesem Tag waren sie beide zusammen. Zwei verlorene Seelen weit ab von ihrer Heimat, kämpfend ums Überleben.
Kyra fand schnell heraus, dass ihr neuer Freund ein kleiner Dieb war. Und er fand heraus, dass die nette Frau glänzende Sachen gerne gegen Essen tauscht. So hielten sie sich die Zeit über Wasser…

Morikles 1.0 Fabian Müller, 2005—2017.
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